Sarajevo 20. - 27. Mai

Der Name Sarajevo ist auch in Mitteleuropa ein Begriff. Hier wurde doch 1914 ein österreichischer Adliger (wie hiess er doch gleich? Genau: Erzherzog Franz Ferdinand) erschossen, was zum 1. Weltkrieg führte. Eine Winterolympiade fand doch vor längerer Zeit auch mal hier statt - es war 1984. Und dann gab es doch noch diesen grausamen Bosnienkrieg, bei dem man bald nicht mehr wusste, wer gegen wen und warum.

 

Nach dem Ende des Kommunismus fiel Jugoslawien auseinander. Bei einem Referendum 1992 stimmten 99.4% für eine Selbstständigkeit von Bosnien-Herzogowina. Allerdings lag die Stimmbeteilung nur bei 64%, weil der serbische Teil der Bevölkerung die Abstimmung grösstenteils boykottierte. So folgte auf die Unabhängikeitserklärung ein dreijähriger Krieg, bei dem sich serbische, kroatische und bosniakische Einheiten bekämpften. Ende 1995 wurde mit dem Dayton-Abkommen ein Friedensvertrag unterschrieben, der bis heute hält. So bestehen seither keine offenen Konflikte mehr zwischen den Volksgruppen, aber das Land steckt in einer politischen und wirtschaftlichen Dauerkrise.


Sarajevo wurde vom April 1992 bis Februar 1996, also fast vier Jahre, von serbischen Truppen und Paramilitärs eingekesselt und belagert. Die Stadt lag in dieser Zeit unter Dauerbeschuss: Laut Zählung der Uno schlugen pro Tag durchschnittlich über 300 Granaten in der Stadt ein und Scharfschützen töteten von den umliegenden Hügeln und aus Hochhäusern gezielt Zivilpersonen, die sich auf die Strasse wagten. 11'000 Einwohner/-innen - darunter 1'600 Kinder - verloren dabei ihr Leben- 56'000 wurden zum Teil schwer verletzt und konnten kaum behandelt werden, da es auch den Spitälern an Strom, Wasser und medizinischem Material fehlte.

Der  Belagerungsring um die Stadt war eng und fast jeder Winkel konnte von den umliegenden Hügeln leicht beschossen werden. Aber wie so oft schweisst die Not die Menschen zusammen: Der Durchhaltewille der Bevölkerung liess sich nicht brechen. Man versuchte sogar, dem Leben eine Art "Normalität" abzugingen. Es wurden Konzert veranstaltet und sogar ein Filmfestival mit internationaler Beteiligung organisiert.

 

 

 

Die Einschläge der Granaten haben auf dem Asphalt Spuren hinterlassen, deren Form vage an eine Blume erinnert. Die Bewohner von Sarajevo haben die Krater mit rotem Harz ausgefüllt, um daran zu erinnern, dass an dieser Stelle Menschen starben. Diese beeindruckenden Gedenkstätten, "Rosen von Sarajevo" genannt, sind heute noch im Stadtbild gut präsent. 

Die Schäden an Gebäuden sind auch heute, 23 Jahre nach Kriegsende, noch im ganzen Land sichtbar.

In der Stadt gab es weder Strom noch genügend Heizmaterial noch eine funktionierende Wasserversorgung. Über eine UN-Luftbrücke konnte eine Minimalversorgung der Stadt mit Lebensmitteln und Medikamenten erreicht werden.

 

 

Um die Blockade zu durchbrechen, haben die Eingeschlossenen einen 300 Meter langen Tunnel gegraben, durch den Lebensmittel und Waffen rein und Verletzte aus der Stadt raus transportiert wurden. Beim Tunneleingang gibt es heute ein Museum und ein kleiner Teil des Tunnels kann besichtigt werden.

Heute kann man lesen, Sarajevo sei eine "ganz normale Stadt" (Die Welt 29.Nov. 2016), was so nicht stimmt.Zu tief sind die Wunden, welche die Belagerung hinterlassen hat.Dieser vierjährige Überlebenskampf hinterliess tiefgreifende Spuren, die auch nach über 20 Jahren für uns als Besucherin und Besucher überall sicht- und spürbar sind.

Überall sind noch Gebäude mit Einschüssen zu sehen, es gibt mehrere Museen, welche diesem Thema gewidmet sind und in der Stadt gibt es viele Denkmäler, die an diese Zeit und an die Opfer erinnern. Auch im Kontakt mit Bürger/-innen der Stadt wird dieses Thema immer angesprochen.

 


In Sarajevo blieben wir eine ganze Woche. Und faszinierte die Mischung aus Okzident und Orient, der die Atmosphäre der ganzen Stadt prägt ebenso, wie die Offenheit der Bevölkerung.

Blick auf das Stadtzentrum aus einer Kabine der neuen Seilbahn
Blick auf das Stadtzentrum aus einer Kabine der neuen Seilbahn

Glück hatten wir auch mit unserer Unterkunft in Sarajevo, in der wir uns schnell wie zu Hause fühlten.

Von der liebenswürdigen Familie unseres Gastgebers Ahmed wurden wir jeden Abend nach 21.30 Uhr zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Während des Ramadans wird es abends immer spät, da die Gläubigen erst nach Sonnenuntergang (zur Zeit um ca. 20.15 Uhr) essen können. 

Mit der Familie haben wir bis tief in die Nacht hinein interessante Gespäche und angeregte Diskussionen geführt.

Wir haben Yussuf, Nerma, Amina, Ahmed, Ali und die kleine Serma ins Herz geschlossen und hoffen, sie wieder mal zu treffen!

 

Hier ist es noch wie zu sozialistischen Zeiten, ausser dass das Essen damals höchstwahrscheinlich nicht so gut war. Aber Mobilier, Ambiente, Personal: wie zu Titos Zeiten. Und alle Gäste, mit Ausnahme von uns, waren Kettenraucher!

Nach einer Woche geht es weiter nach Mostar, diesmal mit dem Zug. Der Bahnhof ist für eine Stadt mit fast 300'000 Einwohner/-innen recht klein und sehr leer, letzteres wahrscheinlich auch, weil heute Sonntag ist. Aber die Talgo-Züge sind supermodern, bequem und sauber und die Bahnfahrt spektakulär. Leider haben wir davon keine guten Aufnahmen, weil die Scheibe stark spiegelte und unser kleiner Fotoapparat mit den wechselnden Lichtverhältnissen nicht klar kam.

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