Bukarest

Bukarest ist die Hauptstadt von Rumänien, hat knapp 2 Millionen Einwohner und gilt als das "kleine Paris des Ostens". Der Name passt nicht nur wegen den mächtigen klassizistischen und neobarocken Prachtbauten. Wie Haussmann in der Mitte des 19 Jahrhunderts Paris radikal umgestaltete, schuf sich der kommunistische Diktator Ceausescu hundert Jahre später "seine" Stadt.

 

Allein für das "Volkshaus", heute "Parlamentspalast" genannt, wurde ein grosser Teil der  Altstadt planiert und zwischen 40' 000 und 70'000 Personen umgesiedet.

Der Bau gilt mit seinen 1'100 Räumen nach dem Pentagon als der grösste Verwaltungsbau der Welt. Erbaut wurde er im Dreischichtbetrieb in fünf Jahren von rund 20'000 Arbeitern, vor allem von zwangsverpflichteten Soldaten. Da das Ehepaar Ceausescu seine Vorgaben häufig änderte, mussten mehrmals schon fertig erstellte Teile des Baus abgebrochen und neu erstellt werden.

Das Gebäude, das wir im Rahmen einer öffentlichen Führung besuchen konnten, ist in seinem zu Stein gewordenen Grössenwahn überwältigend, ähnlich dem Schloss Neuschwanstein von Ludwig II von Bayern.

 

Die Ceausecus erlebten die Einweihung des Baus nicht mehr. 1989 wurden sie nach einem kurzen Schauprozess hingerichtet. Nach der Revolution sollte das Bauwerk als Symbol des verhassten Kommunismus zuerst abgebrochen werden. 1991 wurde aber beschlossen, das Gebäude nicht abzureissen - was auch wieder Million gekostet hätte - sondern umzunutzen. Heute dient es dem Senat und dem Parlament als Tagungszentrum,in den Büros sind Verwaltungsabteilungen untergebracht und auf der Rückseite wurde ein Museum für zeitgenössische Kunst eingerichtet. Ein Teil des Gebäudes ist aber nicht fertig gestellt oder wurde eingemottet und wird nicht weiter benutzt. Auch der angeblich gigantische (wen wunderts!) unterirdische Bunker ist unter Verschluss.

Übrigens: Nachdem die Stromrechnung des Baus 2008 1.7 Mio Euro betrug, wurden die Glühbirnen nach und nach mit Sparlampen ersetzt.

Die Demo

Rumänien ist trotz erfolgreicher Integration in die EU immer noch ein unstabiles Land. Die Korruption ist immens, aber dank der bis anhin unabhängigen Justiz konnten viele korrupte Politiker hinter Gitter gebracht werden. Nun versucht aber die Regierung und die Parlamentsmehrheit, die verurteilten Politiker - ihre Kollegen - durch ein grosszügiges Amnestiegesetz wieder frei zu kriegen, u.a. mit dem Argument, es müsse etwas gegen die überfüllten Gefängnisse getan werden (!). Dagegen regt sich massiver Widerstand. Am 13. August fand eine Demonstration in Bukarest statt, organisiert von den Ausland-Rumänen. Die Forderung war klar und eindeutig: Rücktritt der Regierung!

Die Demonstration war auf 18 Uhr angesetzt und fand auf einem der grössten Plätze der Stadt vor dem Regierungssitz statt. Laut Presse nahmen rund 10'000 Personen teil.

So präsentierte sich mir die Demo um ca. 18h30:

https://youtu.be/L9M1GTdXamY

Die Polizei riegelte das Regierungsgebäude mit einem Kordon ab. Schon bald kam es zu den ersten Konflikten zwischen Demonstanten und Polizei. Gegenstände wie Wasserflaschen (Pet) wurden auf die Polizisten geworfen, dann Steine und Glasflaschen, später alles, was sich irgendwie werfen liess: Abschrankungen, Verkehrssignale etc. Die Polizei reagierte mit Pfefferspray um die Demonstraten auf Distanz zu halten. So ging es stundenlang weiter: Vorperschen einiger Demonstranten - kurzer Pfeffersprayeinsatz - Rückzug usw.

Ich brachte einen ca. 70jährigen, der mit Atembeschwerden von der "Front" zurück kam, zur Ambulanz. Später sah ich ihn wieder, wie er Richtung Konfliktzone stürmte...

Gegen Mitternacht - nach fast sechs Stunden - hatte sich die Situation nicht verändert und ich verliess die Demonstration. Bis zu diesem Zeitpunkt blieb die Polizei auf ihrer Position vor dem Regierungsgebäude und es kamen weder Wasserwerfer noch Knüppel zum Einsatz.

Am nächsten Morgen erfuhr ich aus der Presse, dass in der Nacht der Platz geräumt wurde und es waren auch schon Dutzende von Videos auf YouTube verfügbar. Dabei wurde vor allem der Polizeieinsatz als "unverhältnismässig und brutal" kritisiert.

 

Meine persönliche Einschätzung:

Ich ging zur Demo, weil ich erfahren wollte, wie sich die rumänische Zivilgesellschaft gegen eine korrupte Regierung und gegen korrupte Parlamentarier, für die ich keine Sympathien hege,  zur Wehr setzt. Am nächsten Morgen war ich aber ziemlich ernüchtert, sowohl von der Brutalität eines Teils der Demonstranten wie auch von der darauf folgenden Berichterstattung. Und ich war überrascht von der Zurückhaltung der Polizei. Während rund sechs Stunden wurden sie mit allen möglichen Gegenständen beworfen und bewegten sich nicht von der Stelle. Sie hielten den gewalttätigen Teil der Demonstranten mit Pfefferspray-Einsätzen auf Distanz und verhinderten so eine Erstürmung des Regierungsgebäudes. Als nach Mitternacht der Platz geräumt wurde, kam es sicher auch zu Übergriffen der Polizei. Wenn man sich aber die vielen YouTube-Videos genau anschaut staunt man doch, wie relativ harmlos und selten diese Gewalt eingesetzt wurde. Die 450 von der Presse erwähnten Verletzten waren aber sicher grössenteils Teilnehmer, die Pfefferspray/Tränengas abbekamen. In Zürich wäre die Belagerung z.B. des Rathauses, mit unvergleichlich grösserer Härte in viel kürzerer Zeit beendet wurde. Glaubt mir: Ich habe Demo-Erfahrung aus den 80er Jahren!

Ein erschreckendes Zeugnis der Gewalt, die von einigen Hooligans ausging, findet sich in folgendem Video: Eine Polizistin, die dem gewalttätigen Mob in die Hände fiel (im Video ab 5'50'') , wird fast zu Tode geprügelt und von Demonstranten gerettet.

https://www.youtube.com/watch?v=ttLbl4MZC30

Fazit: Eine berechtigte Demo, welche von einigen Hooligans ausgenutzt wurde um ihre Aggressionen auszuleben. Das kennen wir ja auch aus Zürich. Dazu kam aber hier noch die verzerrte Berichterstattung der (ausländischen) Presse.

 

 

 

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Goodbye Rumania

Wir haben rund einen Monat in Rumänien verbracht und das Land hat uns sehr gefallen. Wir waren überrascht von der kulturellen Vielfalt, dem historischen Erbe, von den lebendigen Städten und schönen Landschaften.

Aber: In keinem Land auf unserer bisherigen Reise haben wir so unmotivierte Kellner/-innen, so gelangweiltes Verkaufspersonal, so mürrische Museumswärter/-innen erlebt wie in Rumänien. Und es waren nicht Ausnahmen, sondern leider die Regel. Teilweise lässt sich das sicher mit der massiven Abwanderung von Fachkräften begründen. Anderseits ist das ein Problem aller Balkanstaaten und somit keine hinreichende Erklärung dieses Phänomens.

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