Ukraine 11.- 24. Sept.

A = Einreise aus Transnistrien

B = Odessa

C = Kiew

D = Tschernobyl

E = Lviv

F = Ausreise nach Polen

Odessa, die kosmopolitische

"Wenn es einen Ort gibt, an dem sich der Universalismus der Aufklärung manifestiert, ist es Odessa. 1794 von einer deutschstämmigen Zarin in Auftrag gegeben (...), wurde die Stadt von einem spanisch-irischen Admiral gegründet, massgeblich von italienischen Architekten erbaut, die ersten Jahrzehnte von einem Franzosen regiert, von polnischen Magnaten und griechischen Reedern zu Europas wichtigstem Umschlagplatz für Weizen gemacht, von Händlern, Seeleuten und Intellektuellen vieler Nationen bewohnt." (Navid Kermani, Entlang den Gräben)

Vom einstmaligen Völkergemisch ist aber nicht mehr viel übriggeblieben. Zwar leben angeblich noch 130 verschiedene Nationalitäten in der Stadt, aber die Ukrainer (61%) und Russen (29%) dominieren doch  stark. Anfangs des 20. Jahrhunderts lebten 300'000 Juden in der Stadt. Ein Grossteil wanderte nach der russischen Revolution oder spätestens unter Stalin aus.  Als Hitlers Truppen in die Stadt einfielen, hatte Odessa noch 100'000 Juden. Nur 10'000 überlebten.

Odessa gehörte für mich zu den Orten, deren Name allein schon Sehnsucht auslösen konnten, so wie Sansibar oder Ouagadougou.

 

Der Gegensatz zum tristen Tiraspol, aus dem ich anreise, könnte grösser nicht sein: Prächtige Paläste, viel prunkvoller Neobarock, volle Strassencafés, gute Restaurants, lachende Menschen in den Strassen. 

Am meisten freute ich mich aber darauf, die berühmte Treppe aus Sergej Eisensteins Propagandafilm Panzerkreuzer Potemkin hinunter zu schreiten. Diese Treppe, vor kurzem mit Geldern der türkischen Regierung (warum auch immer!) renovierten Treppe, die sich nach oben verjüngt und dadurch von unten noch länger aussieht, als sie sonst schon ist.

Wer diese fast 100 Jahre alte Filmszene nicht kennt oder sie wieder mal sehen möchte, bitte hier:

https://www.youtube.com/watch?v=Ps-v-kZzfec

Und hier der ganze Film, in sehr guter Qualtiät, leider ohne Übersetzung der Zwischentitel, aber man versteht ihn auch so.

https://www.youtube.com/watch?v=_4Qfuzn25sI

Kiev, die Hauptstadt

Kiev, die Hauptstadt der Ukraine, verströmt noch mehr imperiales Flair als Odessa. Trotzdem gingen hier in diesem Jahrhundert schon zwei Revolutionen über die Bühne: 2004 die "Orange Revolution" und 20'13/2014 der "Euromaidan", beides Protestbewegungen gegen die jeweilige Regierung. Beide Revolutionen erreichten ihre Ziele, Annullierung der gefälschten Wahlen 2004 und Sturz der Regierung 2014. Trotzdem ist die aktuelle Situation nicht im Sinne der Protestierenden: Der Osten hat sich mit Hilfe Russlands abgespalten und wird von dubiosen Gruppen beherrscht, während die jetzige Zentralregierung von einer reichen Oberschicht beherrscht wird. Frust macht sich breit, wie wir es in vielen Balkanländern schon erfahren haben.

Der Maidan-Platz im Zentrum der Stadt war jeweils das Zentrum dieser beiden Protestbewegungen.

Gut spürbar ist in Kiev - wie auch in Lviv - eine starke Ablehnung Russlands, was sich aus den jüngsten Geschichte, erst recht nach der Annexion der Krim durch Russland 2014,  gut nachvollziehen lässt.

In Millionenstädten geht nichts über eine gut ausgebaute und sorgfältig unterhaltene Metro! Bellazmira findet zwar, man sehe als Reisender dann nichts von der Stadt. Das stimmt zwar, aber wenn die Alternative darin besteht, stundenlang in alten, stinkenden Bussen im Stau zu stehen, gehe ich liebend gern unter Grund und bin schnell und sicher am Ziel. Zudem sind die meisten Metronetze auch für Auswärtige gut verständlich und man findet schnell seinen Weg, ganz im Gegensatz zu den schwer durchschaubaren, schlecht dokumentierten Bus-Netzen. All das trifft auf Kiev zu. Zudem sind die Stationen sauber und Wartezeiten immer sehr kurz. Allerdings kann es in Stosszeiten auch sehr eng werden, was mich aber nie stört.

In der Oper von Kiev hatte ich auch die Gelegenheit, Puccinis Madame Butterfly zu sehen, eine musikalisch sehr gute (soweit ich als blutiger Laie dies beurteilen kann), aber auch sehr traditionelle Aufführung.

Tschernobyl, die Katastrophe

Zur Erinnerung: Am 26. April 1986 explodierte bei Tschernobyl in der Nordukraine auf Grund einer misslungenen Simulation eines Stromausfalls ein Kernreaktor. Dadurch gelangten eine grosse Menge an radioaktiven Stoffen in die Atmosphäre und viele europäische Länder wurden von radioaktivem NIederschlag betroffen. Noch heute ist die erhöhte Strahlenbelastung in weiten Teilen Mittel- und Nordeuropas noch klar messbar. So weisen Wildschweine in Sachsen und Pilze in Bayern ein Mehrfaches an Strahlenbelastung auf.

Über die Anzahl der Todesopfer und erst recht über das Ausmass der Langzeitschäden werden in Fachkreisen kontroverse Diskussionen geführt. Die Organisation Internationals Ärzte zur Verhügung des Atomkrieges IPPNW schätzt, dass bis zu 125'000 Menschen, vor allem Aufräumarbeiter, an den Folgen der Atomkatastrophe gestorben sind. Zu den Langezeitschäden gehören Leukämie, Schilddrüsen- und andere Krebserkrankungen und genetische Schäden, was zu Missbildungen bei Neugeborenen führt. In den vom radioaktiven Niederschlag betroffenen Ländern sind all diese Erkrankungen auch heute noch massiv höher. Auch psychische Folgeschäden, was sich z.B. in einer erhöhten Suizidrate ausdrückt, wurden nachgewiesen.

Gegen 400'000 Menschen mussten nach der Katastrophe ihr Heim verlassen und es wird Jahrhunderte dauern, bis wieder eine Besiedlung möglich sein wird. Heute arbeiten aber wieder rund 3'000 Menschen - überwiegend Männer - in der 4'300 km2  grossen Zone, was in etwa der gemeinsamen Fläche der Kantone Aargau, Luzern und Zug entspricht.  Die Arbeiter bergen und entsorgen radioaktiven Müll, bauen die Infrastruktur aus und schützen das Gelände vor illegalem Zutritt. Ende 2017 wurde die Schutzhülle um den eplodierten Reaktor fertig gestellt, der sogenannte Sarkophag, der über 2 Milliarden Euro kostete und 100 Jahre halten soll. Danach soll er erneuert werden,

In der 30km Zone gibt es nun auch eine rudimentäre Infrastruktur für die Arbeiter und auch für die Tourist/-innen: Kleine Einkaufsläden mit einem stark "sowjetischen" Touch, Restaurants und sogar ein Hotel - wir sahen gerade vier, fünf Tourist/-innen einchecken -, obwohl der Aufenthalt von mehr als 24 Stunden als kritisch angesehen wird. Ein Kurzaufenthalt wird aber auch von Greenpeace als unbedenklich erachtet, vorausgesetzt man hält sich an die Vorgaben des Tour Operatiors und der staatlichen Behörden: Lange Hosen, lange Ärmel, nicht auf den Boden setzen, nicht im Freien essen usw.

So habe ich zusammen mit einem Dutzend anderen Tourist-/innen eine Tagestour in die Sperrzone gebucht - was aber für mich und offenslichtlich auch für andere Teilnehmenden als Flop erwies.

Ich erwartete Informationen zur Nuklearkatastrophe und ihren Auswirkungen. Die Tour wurde diesen Erwartungen nicht gerecht. Es war eine mit der Zeit nur noch ermüdende und langweilige Besichtigung von verwüsteten Gebäuden wie Kindergärten, Sportstadien, Einkaufszentren, Wohnungen. Die Verwüstungen geschahen aber viele Jahre nach der Katastrophe durch Plünderungen und Vandalismus, waren also keine unmittelbare Folge des Unfalls.
Die Leiterin sprach überwiegend russisch, da die Mehrheit der Gruppe aus Weissrussland und der Ukraine kamen. Und die Informationen auf englisch waren sehr dürftig und zum Teil belanglos.

Am beeindruckendsten war für mich die Ruine des Reaktors 5, der sich zur Zeit der Katastrophe noch im Bau befand und der nicht fertig gestellt wurde.

Lviv, die westliche

Auch Lviv, deutsch Lemberg, ist eine geschichtsträchtige, kosmopolitische Stadt mit vielen Renaissance-, Barock- und Jugendstilbauten - und vielen, sehr vielen Tourist/-innen, überwiegend aus Polen, aber auch aus dem Baltikum und aus Weissrussland.

Westliche Touristen sind deutlich in der Minderheit, asiatische (noch) sehr selten.

Auf unserer Balkanreise waren wir ja immer wieder überrascht von der grossen Anzahl von Cafés, Bistros, Bars, Restaurants auch in Städten, die nicht von Touristen dominiert werden. Lviv übertrifft aber alles - nicht nur was die Anzahl der Gastrobetriebe anbelangt, sondern auch die Vielfältigtkeit der Konzepte. Junge, innovative Gastronom/-innen, welche die Verbindung von Tradition und neuen Ideen suchen und sich von der Konkurrenz abzuheben versuchen. Manchmal ist mir das der Event-Gastronomie zuviel, aber lieber diese überbordende Kreativität als die ewig gleichen Pizzerien, Kebab-Stände und MacDonalds.

Aufgefallen sind mir in der Ukraine die vielen Buchmärkte und wie viel die Menschen noch Bücher - so richtig aus Karton und Papier - lesen, sei es in Parks, in der Metro oder in der Schlange vor dem Billettschalter am Bahnhof.

Dies ist wahrscheinlich ein Überbleibstel aus der Sowjetunion, die ja eine sehr ausgeprägte Lesekultur hatte und viele Leute auch in der Öffentlichkeit gelesen haben. Wie wird das wohl in 10 Jahren sein?

Der Lytschakiwski-Friedhof

Heute scheint wieder die Sonne und so nutze ich diesen letzten Tag in Lviv für den Besuch des grossen und berühmten, 1786  eröffneten Friedhofs. Hier liegen viele bekannte - aber mir unbekannte - ukranische Grössen aus Kultur und Politik. Interessanter sind für mich aber die mächtigen und zum Teil originellen  Skulputuren und alten Familiengräber.

Weit hinten im Friedhof, wo es etwas steil wird, sah ich eine alte Frau, die sich auf allen Vieren den Weg hochkämpfte, Ich ging hin, half ihr auf die Beine und führte sie an ihr Ziel: Ein altes, gut gepflegtes Familiengrab, in dem schon vier Generationen liegen. Zusammen entfernten wir das Laub auf dem Grab, entfernten das Unkraut in den Ritzen und zündeten eine neue Kerze an. Dann half ich der 91jährigen Dame  wieder zum Eingang runter. Wir verstanden uns prima, sie sprach ukranisch und ich schweizerdeutsch. Wir haben uns beide über diese Begegnung sehr gefreut und uns herzlich verabschiedet.

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