Miami

25. - 28.04.2012

Art Deco

Im Art Déco District von Miami Beach findet man nach Napier (Neuseeland) das größte zusammenhängende Gebiet von Häusern in diesem Baustil. Die meisten der Gebäude stammen aus den 1930er und 1940er Jahren. Sie wurden auf der südlichen Spitze von Miami Beach bis zur 5. Straße errichtet und sollten zwischenzeitlich abgerissen werden. Durch Proteste von Bürgerinitiativen konnte dies verhindert werden. (Wikipedia)

Calle Ocho: Cuba en Miami

Eine kubanische Exilgemeinde

FERN DER HEIMAT – UND TROTZDEM NAH

 

Wohl keine andere Exilgemeinde ist ihrer ehemaligen Heimat geographisch so nah und trotzdem so fern, was die Lebenswelt angeht, wie die kubanische Exilgemeinde in Miami. Nach der kubanischen Revolution geflohen, haben die Exilanten aus der US-amerikanischen die zweitgrößte kubanische Stadt der Welt gemacht. Und damit ungeahnten Einfluss auf Kultur, Politik und Wirtschaft genommen.

„Por qué vives in Miami?“ (Warum lebst Du in Miami?) fragen US-Amerikaner die Kubaner immer wieder gerne. „Porque es la ciudad más cercana a Estados Unidos“, lautet die schelmische Antwort, die viel Wahres enthält: Weil es die Stadt ist, die am nächsten an den USA liegt! Tatsächlich waren Miami und Florida schon immer das bevorzugte Refugium für kubanische Flüchtlinge – sei es, weil sowohl Kuba als auch Florida ehemals spanisches Territorium waren oder weil die Stadt an der Küste schon immer Anlaufpunkt für Immigranten und Flüchtlinge aus der ganzen Welt war.

Inzwischen ist Miami – nach Havanna – die zweitgrößte kubanische Stadt der Welt und ein so genannter „Hot spot“ kubanischer Kultur in den USA. Knapp 800.000 Kubano-Amerikaner leben in dem Landkreis Dade County, zu dem Miami zählt und der insgesamt 2,1 Millionen Einwohner hat. Spanisch und Englisch gelten als gleichberechtigte Sprachen und Miami gleicht inzwischen eher eine lateinamerikanischen denn einer US-amerikanischen Stadt. Insgesamt leben schätzungsweise 1,5 Millionen Menschen kubanischen Ursprungs in den Vereinigten Staaten.

Seit der Revolution sind mehr als eine Millionen Kubaner geflohen

Mehr als eine Millionen Menschen sind seit 1959 – nach der Revolution – aus Kuba ausgewandert. Das entspricht rund zehn Prozent der gesamten Bevölkerung. Sie flüchteten, weil sie die Enteignung ihres Vermögens befürchteten oder auf Grund ihrer vorherigen Nähe zum korrupten Regime Batistas Angst vor Verfolgung hatten. Wurde das Exil von vielen Anfang der 60er-Jahre nur als Provisorium empfunden, wurde im Laufe der 60er-Jahre immer klarer, dass mit einem schnellen Sturz Castros nicht zu rechnen war. Ab diesem Zeitpunkt begann Miami sich zu einem internationalen Geschäftszentrum zu entwickeln.

Denn im Unterschied zu Exilanten anderer lateinamerikanischer Länder verfügten die Kubaner über eine exzellente Ausbildung und großen Unternehmergeist. Meist stammten sie aus der weißen Mittelschicht und hatten dementsprechend Kapital, um sich in der neuen Heimat eine Existenz aufzubauen. Bis Ende der 70er-Jahre sind von Exilkubanern in Miami, New Jersey, Los Angeles und auch Puerto Rico – wohin ebenfalls rund 50.000 Kubaner geflohen waren – etwa 42.000 Unternehmen gegründet worden. Und bis heute dominieren Kubaner in Miami Banken, internationale Handelsgesellschaften wie auch den Kleinhandel und die lokale Bauindustrie.

Neben der Wirtschaft sind es aber vor allem die politischen und kulturellen Bereiche, die durch die große Zahl der Kubaner nachhaltig beeinflusst worden sind. Die Exilkubaner, die ihre Heimatinsel nach der Revolution verlassen haben, haben die Außenpolitik der USA in den letzten Jahrzehnten geprägt – und das nicht nur auf Grund ihrer schieren Präsenz. Die größte politische Organisation des kubanischen Exils ist die „Cuban American National Foundation (CANF)“ – inzwischen eine der stärksten Lobbygruppen der USA. Die ausgeprägt konservative Stiftung wurde jahrelang von Jorge Mas Canosa geleitet, der ihren Einfluss weit über die Exilgemeinde hinaus ausdehnte: So wurde 1981 mit massiver Unterstützung des US-Kongresses der Radiosender „Radio Marti“ gegründet, der – ähnlich „Radio Free Europe“ im Kalten Krieg – den Kubanern Zugang zu freier und alternativer Information gewährleisten soll.

Exil-Kubaner bestimmten die US-Außenpolitik mit

Aber auch bei den Debatten um weitere Verschärfungen des Handelsembargos oder die nordamerikanische Freihandelszone NAFTA waren Canosa und die CANF immer beteiligt. Dass der reiche Geschäftsmann bei der Wahl der Mittel nicht zimperlich ist, zeigen zum Beispiel die großzügigen „Erfolgsprämien“ an Jesse Helms und Robert Toricelli, die sich beide erfolgreich für eine Verschärfung des Embargos eingesetzt hatten. Wohl keine andere Exilgemeinde hat im 20. Jahrhundert den „Feind im eigenen Land“ mit derart viel Engagement bekämpft – und dabei Gewalt als probates politisches Mittel gesehen: Die terroristischen Anschläge gegen das Regime von Fídel Castro in den 70er-Jahren halten die meisten Exil-Kubaner bis heute für legitim.

So maßgeblich die Exilkubaner in den letzten Jahrzehnten die Außenpolitik der USA mitbestimmt haben, so groß ist inzwischen auch ihr Einfluss auf die Innenpolitik: Wer in den USA Wahlen gewinnen will, der muss die „richtige“ Position zu Kuba und Castro vertreten. Bei den vier Präsidentschaftswahlen von 1980 bis 1992 stimmten die Exilkubaner zu mehr als 70 Prozent für die Republikaner, absoluter Spitzenreiter ist dabei Roland Reagan, der 90 Prozent der Stimmen bekam. Bill Clinton dagegen war bisher der einzige Demokrat, der Florida überhaupt gewinnen konnte: Mit der Zusage, das Embargo zu verschärfen, erhielt er 42 Prozent der exilkubanischen Stimmen.

Trotz des Übergewichts eines extrem konservativen Flügels gibt es innerhalb der Exilgemeinde aber auch gemäßigte Kräfte: Die Polarisierung der Exilanten reicht von militant antikommunistischen Gruppen der Cuban Americans, die Terrorakte nicht nur planen, sondern auch ausführen, bis zu liberalen Fraktionen wie Cambio Cubano in Madrid und einigen – wenigen – Pro-Castro-Organisationen. Insgesamt kann man feststellen, dass sich die dialogbereite Fraktion des Exils inzwischen eher in Europa und hier vor allem Spanien findet.

Kubanische Künstler haben sich über die ganze Welt verteilt

Sind Miami und die Ostküste der USA das politische und wirtschaftliche Zentrum der kubanischen Exilgemeinde, haben sich die kubanischen Künstler, die Sänger, Schriftsteller und Maler auf der ganzen Welt verteilt. Kaum eine Nation ist kulturell so stark vertreten, die Rhythmen des Salsas oder des Mambos sind nicht erst seit dem Welterfolg des Ibrahim Ferrer und des Buena Vista Social Clubs bekannt.

Die wohl berühmteste kubanische Sängerin im Exil war Celia Cruz, die als die „Queen of Salsa“ galt. Die extravagante Sängerin, die Kuba noch im Revolutionsjahr 1959 verlassen hatte, bezog sich in ihren Liedern immer wieder auf ihre Heimat. Auf ihrem letzten Album, das drei Jahre vor ihrem Tod 2003 erschien, nahm sie endgültig Abschied von der Insel. „Por si acaso no regreso“ – „Für den Fall, dass ich nicht zurückkehre“ heißt ein Lied des Albums, der Text ist eine emotionale Liebeserklärung an die verlorene Heimat.

Auch die Schriftstellerin Zoé Valdez hat ihr persönliches Schicksal immer wieder in ihren Büchern verarbeitet. Die Autorin lebt seit 1995 in Paris, nachdem sie vorher in Kuba als Drehbuchautorin beim Kubanischen Institut für Filmkunst und Filmindustrie (ICAIC) ein relativ privilegiertes Leben geführt hatte. In ihrem letzen Roman „Café Cuba“ aus dem Jahr 2004 erzählt Valdez die Geschichte der kubanischen Fotografin Marcela, die nach langen Jahren endlich in Frankreich ankommt, eigentlich frei leben und arbeiten könnte, aber in ihren Träumen, Gedanken und Erinnerungen gefangen ist. Eine Geschichte, die stark autobiografische Züge trägt.

Wie stark sich die im Exil lebenden Künstler vernetzen, zeigt auch die Zeitschrift „Encuentro de la cultura cubana“, die vier mal im Jahr erscheint, deren einzelne Nummern Buchumfang haben und die inzwischen auch im Internet veröffentlicht wird. Gegründet worden ist die Zeitschrift, deren Themenfelder von Literatur und Sozialwissenschaften über Kunst und Politik bis hin zu Geschichte und Philosophie reichen, von Jesús Diaz. Der Schriftsteller lebt seit 1992 im Exil in Madrid, nachdem ihm nach einer kritischen Äußerung auf einer Veranstaltung in der Schweiz die Rückkehr nach Kuba verboten worden ist.

Diaz gilt – im Gegensatz zu vielen langjährigen Flüchtlingen, die in Miami leben – als eine Stimme des Ausgleichs und der Versöhnung. Vor allem auch, weil seine Zeitschrift nicht nur im europäischen Exil, sondern auch in Miami und sogar auf Kuba gelesen wird. Ein zaghafter Anfang, um die weit verstreuten Landsleute eines Tages vielleicht wieder zusammen zu bringen.

Susanne Amann / arte tv

 

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